
Kernpunkt 4
Die Leine - wird zur Nebensache
Das Leinenführungskonzept
In der Fichtlmeier-Methode beginnt Leinenführung nicht bei der Frage, wie der Hund „an der Leine geht“. Sie beginnt bei der Frage, welche Bedeutung die Leine für den Hund bekommt.
Wird die Leine nur als Mittel zum Festhalten, Ziehen, Stoppen oder Korrigieren eingesetzt, bleibt sie ein Kontrollinstrument. Im Leinenführungskonzept nach Fichtlmeier erhält sie dagegen einen klaren kommunikativen Auftrag: Sie gibt Orientierung, kündigt Situationen an, unterstützt Körpersignale und kann dem Hund helfen, sich auch bei Ablenkung wieder am Menschen auszurichten. Dabei bleibt die Leine immer eingebunden in das übergeordnete Führungskonzept. Sie ersetzt nicht die Körpersprache des Menschen, sondern ergänzt sie. Je besser der Hund die Signale seines Menschen versteht, desto weniger muss die Leine aktiv werden.
Das Leinenführungskonzept gliedert sich in vier Bereiche:
1. Die Leine als passives Signalhilfsmittel
Die Leine kann in der Fichtlmeier-Methode auch dann eine klare Bedeutung haben, wenn der Mensch sie nicht aktiv einsetzt. Wird sie bewusst auf den Boden gelegt oder am Halsband befestigt und abgelegt, vermittelt sie dem Hund eine Information: Warte, orientiere dich, es folgt eine Aufgabe oder bleibe ruhig, bis ich dich wieder abhole.
Damit wird die Leine zu einem passiven Signalhilfsmittel. Sie wirkt nicht über Zug, Druck oder körperliche Begrenzung, sondern über eine zuvor aufgebaute Bedeutung. Der Hund lernt, die Leine als verständliches Zeichen zu lesen und sein Verhalten daran auszurichten.
Fichtlmeier unterscheidet dabei mehrere passive Leineninformationen:
Leine am Boden – „Entspann dich und komm zur Ruhe“
Die am Halsband angeklickte und zum Boden durchhängende Leine mit daraufgestelltem Fuß kann dem Hund anzeigen, dass jetzt Ruhe angesagt ist.
Bleib 2 – „Warte, es folgt eine Aufgabe“
Die abgelegte Leine kündigt dem Hund an, dass gleich etwas geschieht. Sie bringt den Hund in eine aufmerksame Erwartungshaltung, ohne ihn festzuhalten oder zu korrigieren.
Bleib 3 – „Warte, bis ich dich wieder abhole“
Ein Gegenstand und die am Halsband angeklickte und am Boden liegende Leine markiert einen klaren Wartezeitraum. Der Hund lernt: Ich bleibe an diesem Ort, bis mein Mensch zu mir zurückkommt und die Situation auflöst.
Auf diese Weise eingesetzt bekommt die Leine einen positiven, verlässlichen Bedeutungsinhalt. Sie wird nicht zum Zeichen von Einschränkung, sondern zu einem ruhigen Kommunikationssignal zwischen Mensch und Hund.
2. Die Leine als aktives Signalhilfsmittel
In Situationen starker Ablenkung oder wenn der Hund die Selbstkontrolle verliert, kann die Leine zusätzliche Signalinformationen vermitteln. Dabei gilt: Erst die Geste, dann die Leine. Die Leine ersetzt die Körpersprache nicht, sondern unterstützt sie. Gemeinsam mit den Körpergesten des Menschen entsteht ein zusätzlicher taktiler Kommunikationskanal, der dem Hund hilft, sich wieder zu orientieren.
Je besser der Hund die Körpersprache seines Menschen versteht, desto weniger wird die Leine als aktive Hilfe benötigt. Sie dient nicht der dauerhaften Kontrolle, sondern der gezielten Unterstützung in schwierigen Situationen.
3. Die An- und Ableinmethode
Das An- und Ableinen ist in der Fichtlmeier-Methode ein bewusst gestaltetes Ritual der Kontaktaufnahme. Der Hund wird nicht beiläufig angeleint, sondern ruhig und eindeutig in die Kommunikation mit seinem Menschen geholt.
Durch die immer gleiche, verlässliche Vorgehensweise wird es für den Hund selbstverständlich, das Halsband anzunehmen und den Kopf ruhig hindurchzustecken. Die Leine steht damit nicht für Einschränkung, sondern der Hund erfährt: Angeleintsein bedeutet nicht Verlust von Freiheit, sondern einen verlässlichen Rahmen.
4. Die Leine als Nebensache – das übergeordnete Ziel
Das übergeordnete Ziel des Leinenführungskonzeptes beschreibt Fichtlmeier mit „Leine als Nebensache“. Gemeint ist damit nicht, dass die Leine bedeutungslos oder verzichtbar wird. Sie bleibt dort wichtig, wo Sicherheit, Umweltbedingungen oder gesetzliche Vorgaben es erfordern. Im Alltag soll sie jedoch nicht mehr das eigentliche Steuerungsinstrument sein. Ein Hund, der gelernt hat, sich an seinem Menschen zu orientieren, dessen Körpersprache zu lesen und dessen Signalen zu vertrauen, braucht keine dauerhafte Einwirkung über die Leine. Die Leine ist dann nicht einfach „weggelassen“. Sie ist in ihrer steuernden Funktion weitgehend überflüssig geworden. Der Hund bleibt nicht deshalb beim Menschen, weil er gehalten wird, sondern weil er sich freiwillig an ihm ausrichtet.
So wird die Leine zu dem, was sie im Idealfall sein soll: eine bewusste Absicherung, aber nicht die Grundlage der Führung.
Was das für den Hundehalter verändert
Wer das Leinenführungskonzept nach Fichtlmeier versteht und anwendet, verändert nicht nur den Umgang mit der Leine, sondern die gesamte Qualität der Führung. Die Leine wird nicht länger als ständiges Mittel zur Kontrolle eingesetzt, sondern erhält eine klare kommunikative Funktion.
Für den Hundehalter bedeutet das: Er muss weniger korrigieren, weniger gegenhalten und weniger über Zug einwirken. Stattdessen lernt er, über Körpersprache, Ruhe und eindeutige Signale Orientierung zu geben. Auf diese Weise entsteht eine Leinenführung, die nicht auf Kraft oder Technik basiert, sondern auf Verständlichkeit und Vertrauen. Die Leine bleibt Absicherung, verliert aber ihre Rolle als dauerndes Steuerungsinstrument.
